Tag 20 (17.05.2024) - Ein träger Morgen, die Fahrt in den Needles District und letzte Vorbereitungen
Der Tag heute beginnt nicht ganz so früh wie ich es ansonsten von mir gewohnt bin, denn ich bleibe bis 07:30 Uhr liegen. Ich war gestern sehr spät im Bett und außerdem habe ich es nicht besonders eilig. Die Fahrt ist nicht lang und außerdem steht dann ja meine erste Übernachtungswanderung auf dem Programm. Ich stelle mir nichts öder vor, als schon am frühen Nachmittag an meinem Zeltplatz anzukommen und den Tag beenden zu müssen. Was macht man da dann noch?! Kochen wird nicht gehen, um Gewicht zu sparen lasse ich den Kocher im Auto. Buch lesen?! Fällt aus den gleichen Gründen wohl auch eher flach. Unterhalten kann ich mich auch mit niemandem, da es Einzel-Sites sind und ich nun einmal niemanden dabei habe. Also ist der Plan nicht zu früh zu starken? Ob das klug ist? Wir werden sehen.
Jetzt gibt es erst einmal ein kleines Frühstück auf dem Zimmer.

Danach vertreibe ich mir die Zeit mit Rucksack packen und verzweifeln. Dieser große Overnight-Rucksack liegt jetzt seit bestimmt zwei Jahren bei mir zuhause herum und hatte noch nie einen Einsatz. Dementsprechend habe ich ihn auch noch nie getragen, getestet oder auch nur vernünftig für mich eingestellt. Außerdem hatte ich gedacht, dass der Platz locker reichen wird, tut er aber wohl eher nicht... Mein Schlafsack ist eine dickere Variante und obwohl er leicht und kompakt ist, nimmt er schon den halben Rucksack ein, das Zelt muss also provisorisch unten drunter gezimmert werden. Seile? Habe ich nicht mit. Wozu auch... Einen Plan? Habe ich auch nicht. Man hätte sich ja mal darauf vorbereiten können, aber irgendwie war es wichtiger, die exakte Uhrzeit für eine Frozen Yogurt Pause in die Reisebibel zu schreiben...
Jetzt hänge ich hier, in meinem Zimmer in Monticello, und muss alles last minute irgendwie geregelt bekommen. Alles, was nicht unbedingt notwendig ist, bleibt zurück. Kocher? Brauche ich nicht, für eine Nacht reicht kaltes Essen. Wechselklamotten? Aaaaach... Bin ja alleine, dann stinke ich halt. Schlafklamotten?! Wird schon warm genug sein um nackt zu pennen. Easy!
Das Zelt bekomme ich irgendwie an den Rucksack improvisiert.

Ansonsten telefoniere ich noch ein letztes Mal mit Matze und schreibe ihm noch ganz genau wo ich bin, was ich vor habe und wann ich plane wieder zurück zu sein und mich zu melden.
Mein restliches Gepäck wird wieder mit dem Schloss-System von letztem Jahr am Kofferraum festgekettet, um es für mögliche Autoknacker ein bisschen unattraktiver zu machen. Ich glaube zwar nicht, dass mitten im Nationalpark etwas passiert, aber man weiß ja nie, wenn man über Nacht weg ist.

Um 10:15 Uhr bin ich endlich fertig, checke aus und mache mich - bei schönstem Wetter - auf den Weg in Richtung Needles District.


Ich habe schon wieder vergessen, wie schön die Strecke hier runter eigentlich ist, dabei bin ich sie erst letztes Jahr zusammen mit Marc gefahren. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie grün es in der Gegend vom Newspaper Rock plötzlich wird. Hier halte ich jetzt kein 3. mal an, vielleicht Übermorgen auf dem Rückweg.


Danach wird die Landschaft wieder weiter und offener, um die Zeit ist niemand hier unterwegs. Im Needles District gibt es eigentlich keine kurzen, schnellen Wanderungen. Egal was man macht, man ist mehr oder weniger den ganzen Tag beschäftigt, daher sind die meisten anderen Besucher wahrscheinlich schon längst da und für den Rückreiseverkehr ist es viel zu früh.

Um 11 Uhr erreiche ich den Parkeingang

Wenige Minuten später fahre ich auf den Parkplatz vom Visitor Center. Ich habe noch zwei Missionen, bevor ich loswandern kann. Nein, eigentlich sogar drei und alle davon kann ich hier (hoffentlich) erledigen:
1. Ich brauche das Parkpermit für's Overnight Parking am Trailhead, aktuell habe ich nur das Wanderpermit digital in der Recreation.gov App
2. Ich brauche einen Bärenkanister, denn der ist vorgeschrieben in der Gegend. Den kann ich angeblich hier leihen
3. Ich brauche ein mobiles Klo und hoffe sehr stark, dass ich hier eins kaufen kann. Meine bisherigen Versuche in den letzten Tagen waren nämlich erfolglos und laut Google sollte das möglich sein

Zuerst lande ich im Shop vom Visitor Center und stelle erleichtert fest, dass ich besagte mobile Toilette hier käuflich erwerben kann. Ich hatte schon ein bisschen Angst, dass es am Ende daran scheitert und ich nicht losgehen darf. Wie auch immer ich mir das in der Praxis vorgestellt habe... Der Ranger im Backcountry Office wird mir vermutlich nicht hinterherfahren und mich festketten, wenn ich kein Klo vorzeigen kann. Aber better safe than sorry.
Dann kommen wir zum unangenehmen Part: Der Besuch im Backcountry Office, das man durch den Shop erreicht. Üblicherweise ist es ja so, dass Gespräche mit Rangern in National Parks sehr angenehm sind, aber wir wissen ja alle: Ausnahmen bestätigen die Regel. Hinter dem Thresen hier steht ein äußerst arrogant wirkender Sunnyboy-Ranger, der mich kritisch beäugt, als ich vor ihn trete und mein Anliegen vortrage.
Seine ersten Worte an mich sind keine geringeren als diese:
"Okay. But how do you plan to poop out there??"

Ja, coole Begrüßung. Nachdem ich meine erste Irritation über den unerwarteten Gesprächsverlauf überwunden habe, klatsche ich ihm wortlos, aber ein bisschen stolz, mein soeben gekauftes Klo auf den Tisch.
Es wird nickend zur Kenntnis genommen. Die erste Prüfung scheine ich bestanden zu haben.
"How do you plan to store your food"
Oaaahr meine Güte. Bin ich hier in einer mündlichen Hausaufgabenüberprüfung in der Schule? Typ, frag mich doch einfach, ob ich einen scheiß Bärenkanister dabei habe oder ob ich einen brauche. Jetzt könnte man natürlich denken, dass ich übertreibe, aber ihr habt den Blick von dem Ranger nicht gesehen und auch nicht die Art und Weise WIE er diese Fragen gestellt hat.
Ich antworte selbstbewusst, dass ich einen Bärenkanister mitnehmen möchte und meine Recherche ergeben hat, das ich mir in diesem Backcountry Office einen ausleihen könnte. Er mustert mich daraufhin noch einige Sekunden und ich meine, eine gewisse Enttäuschung in seinen Augen erkennen zu können. Er dreht sich um und stellt mir dieses Monstrum hier auf den Tisch:

Sieht auf dem Foto jetzt nicht allzu groß aus, ist er aber. Ich frage, ob er das Ding auch noch in einer Nummer kleiner hat - Nope, hat er nicht. Gab es mal, aber mittlerweile nur noch diese eine Größe. Na toll... Keine Ahnung, wie ich das auch noch in den Rucksack bekommen soll, das wird eine Katastrophe. Ich muss mich noch in eine Liste eintragen, damit ich den Behälter auch morgen wieder zurückbringe, die sind nämlich alles andere als günstig, daher habe ich mir für die eine Wanderung auch keinen kaufen wollen. Zumal das Ausleihen hier auch gar nichts kostet.
Zu guter Letzt wird mir auch noch das Park Permit ausgedruckt... naja. Oder so ähnlich. Ob man das jetzt wirklich als gedruckt bezeichnen kann lasse ich mal dahin gestellt, aber Sunnyboy meint, dass würde so schon ausreichen und ich muss ihm wohl glauben, schließlich habe ich keinen eigenen Drucker im Auto.

10 Minuten fahre ich jetzt zum Salt Flat Trailhead, finde easy einen Platz auf dem großen Parkplatz, lege das Permit in die Windschutzscheibe und würde jetzt gerne den Bärenkanister einräumen, damit ich bald mal starten kann. Nur... Wie sage ich das jetzt am besten. Mein IQ entspricht offensichtlich ziemlich genau dem eines durchschnittlichen Bären, denn egal was ich mache, ich bekomme diesen drecks Bärenkanister einfach nicht auf. WIE ZUM TEUFEL GEHT DAS?!! Ich drehe, ich ziehe, ich drücke, es tut sich NICHTS. Das kann doch einfach nicht wahr sein, ich bin schon jetzt unglaublich genervt von allem hier, grad nach der unfassbaren Unfreundlichkeit des Rangers vorhin. Das kann nur gut werden!
Natürlich gibt es am Trailhead auch keinerlei Internet, also geht es die 10 Minuten zurück zum Visitor Center. Die Blöße, jetzt auszusteigen und den Ranger zu fragen, gebe ich mir aber mit absoluter Sicherheit nicht und so bleibe ich draußen vor der Tür stehen, logge mich ins WLAN ein und schaue mir ein Youtube Video an
Bis zum Auto reicht das Netz nicht, also heißt es einprägen, zum Auto gehen und testen. Aha! Klappt. Uuuuuuuund die 10 Minuten wieder zurück zum Trailhead.
Ich habe keine Wahl, ich muss deutlich mehr in diesen Bärenkanister stopfen, als nur mein Essen, mein Deo und meine Zahncreme. Ganz einfach aus dem Grund, weil ich ansonsten zu wenig Platz habe. Es reicht gerade so für Schlafsack, Iso Matte, Bärenkanister, etwas extra Wasser, den zusammengefalteten 1,5l Campelback Rucksack mit Wasser und 3l Trinkblase im großen Innenfach, also kommt wirklich jeder Kleinscheiß in den Kanister, inkl. Stirmlampe, Powerbank, etc. Mit absoluter Gewalt bekomme ich den Rucksack dann zu und es passt wirklich kein Blatt mehr rein, geschweige denn, dass ich das Teil großartig anheben kann. Habe ich schon erwähnt, dass es nur gut werden kann??
Jetzt muss ich aber erst einmal noch ein paar Kalorien zu mir nehmen, die Frosties heute morgen reichen definitiv nicht für den Plan und je weniger ich mitnehmen muss, desto besser.

Ich habe jetzt lange hin und her überlegt und mich dafür entschieden, euch für diesen Reisetag ausnahmsweise ein paar der Videos, die ich für Matzes und mein Videotagebuch gemacht habe, zur Verfügung zu stellen, auch wenn sie dafür ursprünglich nicht gedacht waren. Die verdeutlichen den Verfall und Leidensweg der nächsten Stunden einfach besser als Beschreibungen und Fotos es könnten 
https://www.amerika-forum.de/data/xfmg/video/2878/2878235-41bb808632a80a02614836a80370ca01.mp4
Damit dürfte klar sein, wo es hin geht, oder?